Bei der Beschäftigung mit den Eigenschaften und der Historie des legendären Minolta 58mm 1.2 Objektives stieß ich auf die interessante Tatsache, dass die erste Generation dieser Glasklötze radioaktive Zusätze enthalten. Die Linsen wurden nämlich mit Thoriumoxid und Seltene Erden vergütet, um die Abbildungseigenschaften der Objektive zu optimieren (Brechungsindex). Thorium ist ein in der Natur vorkommendes radioaktives Element. Das Isotop Thorium232 steht an der Spitze einer der drei radioaktiven Zerfallsreihen, die seit der Entstehung der Erde mitverantwortlich für die uns umgebende Hintergrundstrahlung ist. Thorium ist eigentlich ein Alphastrahler und entfaltet seine schädliche Wirkung auf den Organismus nur bei direkter Aufnahme, zum Beispiel durch Einatmung von Thoriumstäuben. Allerdings finden beim Zerfall des Thoriums, wie übrigens bei den meisten anderen radioaktiven Stoffen auch, weitere Kernumwandlungen, zum Beispiel die Aussendung von energiereicher Gammastrahlung, statt. Dass der Umgang mit Thorium nicht ganz ungefährlich sein kann, trägt man auch in der Strahlenschutzverordnung Rechnung. Im Teil 3 sind Schutzmaßnahmen bei Arbeiten mit natürlich vorkommenden radioaktiven Stoffen festgelegt. Die Anlage XI nennt bestimmte Arbeitsfelder, bei denen es zu einer erhöhten Exposition von Radioaktivität kommen kann. Darin sind explizit der Umgang mit Gasglühstrümpfen und Schweißelektroden genannt, die Thorium enthalten. Wie gefährlich sind die alten Objektive für den Fotografen oder möglicherweise sogar für die fotografierte Person? Ein Mass für die Gefährlichkeit von ionisiernder Strahlung, die der Körper aufnimmt, ist die effektive Dosis. Die effektive Dosis wird in der Einheit Sievert [Sv] angegeben. Da im vorliegenden Fall eine direkte Aufnahme in den Körper ausscheidet, kann man die effekive Dosis relativ einfach über die Messung der Ortsdosisleistung, gemessen in Mikrosievert pro Stunde [µSv/h], abschätzen. Sie hängt neben der Art der Strahlenquelle ganz entscheidend auch von meinem Abstand (quadratisches Abstandsgesetz) zu dieser und der Aufenthalsdauer ab. Wie hoch ist die Strahlenbelastung, die von den alten Minolta-Objektiven und nicht nur von denen, denn andere Hersteller verwendeten ebenfalls mit Thorium vergütete Linsen, ausgeht? Verlässliche Angaben habe ich dazu kaum gefunden. Einen ersten Anhaltspunkt fand ich auf Yashica.org. Markus Wottrich hat hier einmal verschiedene Yashinon-Objektive getestet und kam beim Yashinon DS-M 55mm 1:1.2 auf eine Ortsdosisleistung von bis zu ca. 1µSv/h, gemessen direkt an der Hinterlinse des Objektives. Sind die Werte vergleichbar mit den Minoltas? Um das heraus zu bekommen, hilft eigentlich nur selbst nachmessen! Und das war dann leider in Ermangelung eines geeigneten Messobjektes, ich besitze kein altes Minolta MC 58mm 1.2, das Problem. Behelfen konnte ich mir nur mit meinem Minolta 58mm MC-ROKKOR-PF 1:1.4. Gemessen habe ich mit einem geeichten (!) Ortsdosleistungsmessgerät vom Typ AD6 der Firma automess aus Ladenburg. Ich konnte dabei keine signifikante Erhöhung des durch den Nulleffekt hervorgerufenen Messwertes (in Erfurt beträgt die Ortsdosleistung der Hintergrundstrahlung im Mittel etwa 0,12µSv/h). Schade! Ich wäre der Sache gerne genauer auf den Grund gegangen. Vielleicht besitzt ja jemand ein Minolta 58mm 1.2 der ersten Generation und möchte es bei mir durchmessen lassen. Ich stehe gern zur Verfügung. Nehmen wir aber mal an, ich würde einen ähnlichen Wert für die Ortsdosisleistung, wie bei dem Yashinon Objektiv messen. Welche Dosis bekäme der Fotograf dann ab? Vielleicht denken wir uns einen Fotografen, der 100 Filme mit jeweils 36 Aufnahmen im Jahr verschießt. Pro Aufnahme hält er seine Kamera im Durchschnitt, sagen wir ein mal 10 Sekunden vors Auge. Das ergibt dann eine Zeit von 36×100*10 sec =36000sec, das sind insgesamt 10 Stunden. 1µSv/h*10h ergibt eine errechnete effektive Dosis von 10µSv. In Wirklichkeit wäre diese sicherlich geringer, da lediglich Augen und Schilddrüse nennenswerten Beiträge zur effektiven Dosis beisteuern. Wenn man bedenkt, dass die natürliche Strahlenbelastung, also die Radioaktivität, die aus dem Boden und aus dem Kosmos auf uns einprasselt, bei uns in Deutschland im Durchschnitt 2100µSv im Jahr beträgt und es auch schon mal Orte wie Menzenschwand im Schwarzwald mit einer mittleren Ortsdosisleistung von 18 000µSv im Jahr gibt, so fallen die 10µSv wohl kaum ins Gewicht. Nur mal noch zum Vergleich: Ein Röntgen-Thorax-CT schlägt mit durchschnittlich 20 000µSv zu Buche. Die Gefahren lauern also ganz woanders. Wer trotzdem Strahlenangst hat, kann mir ja gern sein altes Objektiv überlassen.

